Johannes Theodor Baargeld (9.10.1892 – 18.8.1927)

Baargeld-Grab-Melaten

Lügen Grabsteininschriften? Naja, zumindest sagen sie nicht immer die ganze Wahrheit. Der Mann, der in diesem Grab liegt, hieß nicht Johannes Theodor Baargeld, sondern Alfred Ferdinand Gruenwald. Auch um seinen Tod gibt es Verwirrung: Er sei am 6. August 1927 durch ein Lawinenunglück in Tirol gestorben, heißt es im Kölner Katalog „Von Dadamax zum Grüngürtel“. Im Zürcher/Pariser Dada-Katalog steht, er sei 1927 bei einer Bergwanderung mit seinem Bruder tödlich verunglückt. Kann nicht sein, schreibt Walter Vitt, sein Biograph: Seine einzigen Brüder sind bereits 4 bzw. 14 Jahre vorher gestorben. Walter Vitt hat herausgefunden: „Baargeld verunglückte damals weder in Tirol noch durch ein Lawinenunglück, sondern erfror bei einer Bergbesteigung in den französischen Alpen, und zwar am 17. oder 18. August 1927.“

Was ist da los? Und wieso „Dada“? Zumindest das lässt sich erklären. Alfred Ferdinand Gruenwalds Vater war der jüdische Versicherungsdirektor und Millionär Heinrich Leopold Gruenwald. Alfred studierte Jura in Oxford und Bonn. Im Ersten Weltkrieg diente er als Reserveleutnant, 1917 begann er, noch an der Front lyrische und politische Texte zu schreiben. 1918 trat er der USPD bei, der Linksabspaltung von der SPD. Er freundete sich mit Max Ernst und Hans Arp an, sie gründeten „Die Dada-Zentrale W/3“. Ihre Zeitschrift „Ventilator“ wurde bald von der britischen Besatzungsmacht verboten.

Die Dada-Bewegung machte international Furore, Namen wie Marcel Duchamp, Francis Picabia, George Grosz oder John Heartfield sind auch heute noch ein Begriff. Im Brauhaus von Friedrich Winter in der Schildergasse (Winter liegt auch auf Melaten) veranstaltete die Kölner Dada-Gruppe eine aufsehenerregende Kunstaktion: Unter dem Motto „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ (später anders weitergeführt von der Band „Ton, Steine, Scherben“) stellte man Skulpturen aus und legte einen Hammer daneben: Wenn euch das nicht gefällt, zerschlagt sie – wir liefern morgen neu! So geschah es. Skandal! Die Polizei schloss die Ausstellung und auch das Brauhaus für einen Tag. Während Max Ernst nach Paris ging und weltberühmt wurde, wendete sich Gruenwald von der Kunst ab, studierte Volkswirtschaft an der Kölner Uni und wurde Beamter bei der Kölnischen Rückversicherungsgesellschaft – sein Vater war dort Generaldirektor.

Ach ja: Das Pseudonym „Baargeld“ rührte daher, dass angeblich der damals noch arme Max Ernst beim gemeinsamen Biertrinken im Früh immer gerufen habe: „Köbes, zahlen, da sitzt unser Bargeld“ – und zeigte auf den Millionärssohn Gruenwald. Das Buch von Walter Vitt über Baargeld ist sehr lesenswert: „Auf der Suche nach der Biographie des Kölner Dadaisten Johannes Theodor Baargeld. Keller Verlag Starnberg 1997. Sie enthält neben biographischen Angaben auch Gedichte und Zeichnungen Baargelds sowie faksimilierte Ausgaben der von Baargeld herausgegebenen anarchistischen Zeitung „Der Ventilator“.

In der Ausgabe 1/2 vom Februar/März 1919 stehen auf der Titelseite so interessante Aufrufe wie: „Warnung! Traut niemandem! Traut nicht dem offenbarsten Augenschein. Es sind Geheimbünde unter euch – traut euch selber nicht. Es gehen verdächtige Gedanken und Gefühlsepidemien um. Kein Mensch ist sicher! Am wenigsten vor sich selber.“

Grabstätte: Flur 73A

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