Georg Meistermann (Geb. 16.6.1911, gest. 12.6.1990)

Bei der Recherche über diesen immens produktiven Kölner Maler, Zeichner, Grafiker fällt eines besonders auf: Er wird von Zeitgenossen als meinungsstark, gelegentlich aufbrausend geschildert. Aber: Immer auf der Seite der Freiheit, der Demokratie – ein überzeugter Antifaschist. In der NS-Zeit galt er als „entarteter“ Künstler, erhielt Ausstellungsverbot. Er wurde zur Wehrmacht eingezogen, eignete sich aber sehr eindeutig nicht als Krieger; er habe den Krieg als Kartoffelschäler überlebt, heißt es. Seine zahllosen Werke – allein über 1000 Glasfenster gibt es an 250 Orten in Europa – finden sich in Kirchen und Profanbauten. Er war tiefreligiös, aber: „Ich mache Propaganda für den christlichen Glauben, ich mache ganz sicher keine Propaganda für die Kirche.“

Seine kritische Eigenständigkeit zeigte sich unter anderem in einer Arbeit für die St. Markus Kirche in Wittlich in der Eifel. Ein Fenster zeigt Maria. In seinem Entwurf hatte Maria eine dunkle Gesichtsfarbe. Meistermann: Maria war eine Frau aus Palästina, sie musste eine dunklere Haut gehabt haben. Den Kirchenoberen gefiel das nicht, er würde nur bezahlt werden, wenn Maria hellhäutig dargestellt wird. Meistermann folgte der Anweisung. Nachdem das Honorar bei ihm eingegangen war, schlich er sich heimlich in die Kirche und stellte die dunkle Hautfarbe wieder her. So wird diese Geschichte in einem englischsprachigen Youtube-Video erzählt, das mit sehr vielen bildlichen Darstellungen die Arbeit Meistermanns zeigt – sehr empfehlenswert! In dem Video kommt auch Justinus Maria Calleen vor, der Sohn Heribert Calleens (siehe den Artikel in diesem Newsletter) und Enkel Meistermanns.

Die Stadt Wittlich hat ja ein eher schwieriges Verhältnis zu Meistermann. Zwar hat sie ein Museum nach ihm benannt – siehe Artikel über Heribert Calleen in diesem Newsletter. Aber der Name wurde von der Meistermann-Erbengemeinschaft bald wieder zurückgezogen; offenbar konnten die Lokalpolitiker Meistermanns antifaschistische Grundhaltung weder verstehen noch würdigen.

Eine sehr informative Quelle ist die Website der Georg-Meistermann-Gesellschaft. Schirmherrin war bis zu ihrem Tod 2012 die Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich. Bei ihrer Hochzeit mit Alexander Mitscherlich war Georg Meistermann Trauzeuge. Er selbst war mit der in Köln lehrenden Psychoanalytikerin Edeltrud Meistermann-Seeger verheiratet, die nach seinem Tod die Georg-Meistermann-Gesellschaft gründete.

Auf der Website der Gesellschaft heißt es:

Noch vor Joseph Beuys und Klaus Staeck zählt der 1911 in Solingen geborene und seit 1949 in Köln lebende Künstler, so der führende deutsche Kunstkritiker Eduard Beaucamp von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, ‚zum raren Potential an Widerspruchsgeist, streitbaren, ja zornigen Moralismus in der deutschen Nachkriegskunst‘. Kultur-Staatsminister Julian Nida-Rümelin würdigte anlässlich der Wittlicher Meistermann-Gedächtnisausstellung 2001 den Künstler mit den Worten: ›…wird uns Meistermann im Gedächtnis bleiben. Ihm und seinem Werk weiß sich die Bundesrepublik Deutschland zu Dank verpflichtet.‹

Georg-Meistermann-Gesellschaft
Meistermann-Fenster im Spanischen Bau des Rathauses

Meistermann war ein ungemein produktiver Künstler. Die Kölner*innen werden seine Köln-Darstellung im Spanischen Bau des Rathauses kennen – siehe Foto. Von 1979 bis 1986 wirkte er an der Neugestaltung der romanischen Kirche St. Gereon mit und schuf beeindruckende Glasfenster – siehe Foto.

Meistermann-Fenster in der Kirche St. Gereon

Er war an der ersten Documenta 1955 in Kassel beteiligt. Im Vatikan gibt es den bezaubernden deutschen Friedhof „Campo Santo Teutonico“. Hier schuf Meistermann vier Glasfenster. Wenn Sie diesen Friedhof mal besuchen wollen – täglich von 7 bis 12 Uhr – müssen Sie am Eingang den Schweizer Gardisten unbedingt auf deutsch ansprechen und um Einlass bitten – die deutsche Sprache verschafft Ihnen die Besuchserlaubnis!

Zwischen 1969 und 1973 arbeitete Meistermann an einem Porträt Willy Brandts. Brandt hat es später für die Kanzler-Galerie empfohlen, es wurde aber nicht angekauft. Die Darstellung des ehemaligen Bundeskanzlers schien einigen zu abstrakt, vielleicht sogar als zu harte Charakterisierung des eher als kontemplativ bekannten Brandt. Jedenfalls kam es nie ins Kanzleramt. Ein zweites Meistermann-Porträt Brandts fand vorübergehend seinen Weg ins Kanzleramt; Helmut Kohl beauftragte später einen anderen Künstler mit dem offiziellen Brandt-Bild. Meistermann zog seine Arbeit widerspruchslos zurück. Eine Geschichte zu diesem Bilderstreit gibt es im Solinger Tageblatt.

Neben seiner umfangreichen künstlerischen Tätigkeit war Meistermann auch ein gefragter Lehrbeauftragter: Kunstakademie Düsseldorf, Kunstakademie Karlsruhe, Akademie der Bildenden Künste München waren einige seiner Stationen.

Die Ehrungen für Georg Meistermann sind zahllos. Allein das Bundesverdienstkreuz wurde ihm mehrfach verliehen: Zuerst 1959, dann 1981 mit Stern, schließlich 1990 mit Stern und Schulterband. In Köln-Lövenich wurde eine Straße nach ihm benannt – siehe Foto. Die Stiftung Stadt Wittlich vergibt alle zwei Jahre den Georg-Meistermann- Preis, der an das kritische und konstruktive

Georg-Meistermann-Straße in Köln-Lövenich

Eintreten des Künstlers für Demokratie und Meinungsfreiheit erinnern soll. Preisträgerin 2016 war die Nobelpreisträgerin Herta Müller. Laudator bei der Preisverleihung war übrigens der SPD-Politiker Martin Schulz, der, was in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist, ein großer Literaturkenner ist und in dessen Rede nachvollziehbar ist, welche Gemeinsamkeiten Herta Müller und Georg Meistermann haben. Ein Video der Feier ist bei Youtube zu sehen.

Sein eigenes Grabmal hat er zu Lebzeiten mit seinem Schwiegersohn Heribert Calleen zusammen entworfen: „Schwebendes Kreuz mit Sonne“. In dem oben verlinkten Youtube-Video wird übrigens darauf hingewiesen, dass Meistermann aus seinem Atelierfenster in Wittlich gerne den Flug von Vögeln, vor allem von Bussarden, verfolgte. Das Kreuz auf seinem Grab könnte in abstrahierter Weise die Flugbewegung eines Bussards zeigen.

Grabstätte: Flur 11 in F

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