August Sander (Geb. 17.11.1876, gest. 20.4.1964)

August-Sander-Grab-Melaten-Friedhof

Auf den Tag genau 75 Jahre nach der Geburt Adolf Hitlers starb August Sander. Natürlich ist das nichts Anderes als Zufall. Aber es gibt Zusammenhänge. August Sanders Sohn Erich war führendes Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), der auch Willy Brandt angehörte. Erich Sander wurde nach der Machtergreifung der NSDAP verhaftet und starb im Zuchthaus in Siegburg. Die Druckplatten eines der Hauptwerke August Sanders, „Antlitz der Zeit“ waren von den Nationalsozialisten zerstört worden.

Dabei hatte August Sanders fotografisches Werk keinen explizit politischen Charakter. August Sander war Dokumentar. Er hielt fest, was war. Menschen, Landschaften, Städte.

Die Verbundenheit mit den Menschen, die er porträtierte, vor allem auch aus den unteren Sozialschichten, ist sicherlich auch seiner familiären Herkunft geschuldet. In Herdorf in Rheinland-Pfalz als Sohn eines Grubenzimmerhauers geboren, arbeitete er als Haldenjunge in einer Erzgrube. „Die Haldenjungen hatten die Aufgabe, die Erze zu reinigen, um sie schmelzen zu können. Die Eisenerze mussten frei von Kupfer und ‚Berge’ (taubes, wertloses Gestein) sein. Deshalb wurden sie auf der Halde sorgfältig sortiert. Die schweren Stücke wurden ‚gestuft’, das heißt mit dem Hammer in handliche Stücke geschlagen und die ‚Berge’ ausgesondert.“ (Zitiert nach „Der Haldenjunge“ von Karl Heupel) Wir sehen: August Sanders Berufsleben begann ganz unten – im Bergbau. Bald aber lernte er einen Fotografen kennen, der sein Interesse an der Fotografie weckte.

In Linz an der Donau arbeitete er zunächst als Angestellter, später als Teilhaber in der „Photographischen Kunstanstalt Greif“. 1909 siedelte er nach Köln um, eröffnete 1910 in der Hillerstraße 61 in Lindenthal sein Atelier. 1911 zog er in die Dürener Straße 201 um. Seine Freundschaft zu Künstlern wie dem Dadaisten Raoul Hausmann, den Malern Heinrich Hoerle, Otto Dix, Anton Räderscheidt und anderen erweiterte seine Sichtweise und schuf die Grundlage für die Entwicklung seines Hauptwerkes: „Menschen des 20. Jahrhunderts“. In der zweiten Hälfte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts begann Sander mit seinem dokumentarischen Projekt. Er teilte seine Porträts in sieben Gruppen ein: Der Bauer, Der

Handwerker, Die Frau, Die Stände, Die Künstler, Die Großstadt, Die letzten Menschen. 1929 erschien mit „Antlitz der Zeit“ eine Art Vorausschau dieses Großwerkes. Bis zu seinem Tod 1964 arbeitete Sander an seinem Projekt, dessen Veröffentlichung er nicht mehr erlebte. Sein Sohn Gunther publizierte 1980 das Werk in einer „ersten Annäherung“, wie es im Klappentext zu der erweiterten Rekonstruktion durch die Photographische Sammlung der SK-Stiftung Kultur in Köln aus dem Jahr 2002 heißt.

Die fotografische Ästhetik der Aufnahmen ist festgelegt: Menschen präsentieren sich dem Fotografen, schauen zumeist in die Kamera, zeigen oft ein kennzeichnendes Utensil: die Bauernfamilie 1919 mit Schäferhund, der Friseur 1930 mit Schere, die Frau aus dem Kirmeswagen um 1930 mit Kind vor einer Wäscheleine, der Geheimrat im Ruhestand 1911 mit Zwirbelbart und Vatermörder, der Bildhauer 1942 vor Skulpturentwürfen, Karnevalisten in Köln 1931 mit Trömmelsche und Clownskostüm, blinde Kinder um 1930 mit Büchern in Blindenschrift.

Der Band „Die Großstadt“ lässt sich betrachten wie eine fotografische Bestandsaufnahme der Sozialschichtung einer idealtypischen Metropole – alle Stände, Milieus, Schichten, Klassen und Gruppen werden ins Bild gehoben: die

Drehorgelspieler, der Chauffeur, der Oberbürgermeister Adenauer an der Seite des Reichspräsidenten Hindenburg, die Demonstranten der „Roten Front“, das Mädchen im Kirmeswagen, der Zauberer, wandernde Korbflechter, die Fronleichnamsprozession, der Gymnasiast, die Putzfrau, der Gepäckträger, der einbeinige Berginvalide, die Waschfrau, die Tochter des Fabrikarbeiters. Gegen Ende dieses Bandes findet man mehrere Fotos mit der Bildunterschrift „Verfolgte“, datiert aus dem Jahr 1938. Es handelt sich um Porträts jüdischer Mitbürger. Die Reihe „Politischer Häftling“, datiert 1941–44, stammt von Augusts Sohn Erich, die er als politischer Häftling im Siegburger Zuchthaus aufnahm. Schließlich: „Fremdarbeiter“ – wortlose Kommentare zur politischen Situation.

Die alten Kölner, die die Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben, schwärmen von der Schönheit unserer Stadt. Die Zerstörungen durch den Krieg, durch die Luftangriffe, aber auch die mit der Finanzknappheit und der Abwesenheit von ästhetischem Empfinden verbundene Wiederaufbautätigkeit haben den Glanz der Rheinmetropole vernichtet. Wer den Erzählungen unserer Vorfahren nachspüren will, der besorge sich den Bildband „August Sander – Köln wie es war: 408 Fotografien von 1920 bis 1939“. Die SK-Stiftung

Kultur der Sparkasse KölnBonn hat 1992 den Nachlass August Sanders erworben und pflegt ihn dankenswerterweise. Die Stiftung hat den „August-Sander-Preis für Porträtphotographie“ ausgeschrieben, an dem sich Künstlerinnen und Künstler bis 40 Jahre beteiligen können. Die Photographische Sammlung der SK-Stiftung Kultur organisiert regelmäßig Ausstellungen zeitgenössischer Fotograf*innen und beherbergt dauerhaft Werke z.B. von Bernd und Hilla Becher, Albert Renger-Patzsch, Boris Becker und anderen.

Grabstätte: Flur 87

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