Mein Melaten

Prof. Dr. Barbara Schock-Werner war von 1999 bis 2012 Kölner Dombaumeisterin. Neben Oberbürgermeister:in, Kardinal und FC-Trainer (bei den letzten beiden Ämtern macht das Gendern keinen Sinn, in beiden Jobs gab es bis heute noch keine Frau…) gibt es kein ehrenvolleres Amt in der Domstadt. Frau Schock-Werner trat damit die Nachfolge solch legendärer Figuren wie Meister Gerhard an, dem ersten Dombaumeister, oder Ernst Friedrich Zwirner, dem Dom-Vollender. Wenn man sich ihre Biographie anschaut, dann stellt man fest: ein Tausendsassa, oder sollte man sagen: eine Tausendsasserin? Sie ist Architektin, Kunsthistorikerin, Denkmalpflegerin und Hochschullehrerin. Sie war Vorsitzende im Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz, Präsidentin der Deutschen Burgenvereinigung, sachkundige Einwohnerin im Kölner Stadtentwicklungsausschuss. Zuletzt war sie nach dem Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris Koordinatorin der deutschen Hilfsmaßnahmen.

Und ganz nebenbei schreibt sie Bücher, z.B. überraschenderweise über die Kölner U- Bahnstationen. Jetzt neu auf dem Markt: »Mein Melaten«, erschienen im Greven-Verlag. Ich hatte das Vergnügen, Frau Schock-Werner im Gespräch mit Joachim Frank vom Kölner Stadt-Anzeiger in den Räumen der Karl-Rahner-Stiftung über ihr neuestes Werk zu erleben. Sie ist eine eloquente, gebildete, mitunter burschikose Erzählerin. Von ihrer lockeren Art her könnte man sie für eine Rheinländerin halten, dabei ist sie in Ludwigsburg in Baden-Württemberg geboren.

Man könnte sich fragen: Noch ein Melatenführer? Es gibt doch schon so viele! Ja, stimmt, »Mein Melaten« ist auch ein Melatenführer. Darauf weisen schon einige Merkmale hin: Der genial gestaltete »Schutzumschlag« entpuppt sich beim Aufklappen als Friedhofsplan. Alle von ihr beschriebenen Gräber sind verzeichnet, geordnet nach den Sektionen 1–8. Man könnte also mit dem – allerdings nicht sehr leichtgewichtigen – Buch in der Hand über den Friedhof wandern.

Dann aber ist »Mein Melaten« eine sehr originelle Darstellung ausgesuchter Gräber. Sicher kommen auch die Prominenten drin vor: Millowitsch, Ostermann, Nikuta, Neven DuMont und andere. Aber auch eher unbekannte, nichtsdestotrotz interessante Grabstätten werden mit Geschichte und Geschichten ins Interesse gerückt: Wer kannte Otto Purschian, Jakob Ostertag, Heinriette Meinen oder Franziska Schleifer? Auf dem Grabstein der Letzteren steht der liebevolle, aber vielleicht auch etwas ehrfurchtsvolle Satz »Unsere Mama ist nicht gestorben, sie ist uns nur vorausgegangen, wie immer.«

Das Gespräch zwischen Joachim Frank, dem sehr einfühlsamen Moderator, und Barbara Schock-Werner machte Lust auf ihr Buch, und die Erwartungen werden übererfüllt – eine intensive Leseempfehlung! Wir werden versuchen, Frau Schock-Werner für eine Lesung zu gewinnen! Erwähnt werden muss auch die Fotografin Nina Gschlößl, die die beschriebenen Gräber aus mitunter ungewöhnlichen Perspektiven fotografiert hat.

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